Gertraud Marinelli-König
Die böhmischen Länder in den Wiener Zeitschriften und Almanachen des Vormärz (1805–1848) – Teil II
Tschechische nationale Wiedergeburt – Kultur- und Landeskunde von Böhmen, Mähren und Schlesien – Kulturelle Beziehungen zu Wien. Teil II: Sprachwissenschaften – Philosophie, Ästhetik – Rhetorik – Geschichte – Bildungsinstitutionen
Reihe: Sitzungsberichte der philosophisch-historischen Klasse Die wissenschaftlichen Leistungen in der Habsburgermonarchie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sind aus verschiedenen Gründen unterbelichtet. Eine systematische Auswertung der in Wien erschienenen gelehrten Zeitschriften und Unterhaltungsblätter aus dieser Zeit schafft eine Basis, um sich diesem „versunkenen Kontinent“ anzunähern. Die wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Wien und den böhmischen Ländern waren eng und fruchtbar. Nachdem Teil I (2011) die Bereiche Belletristik und Pressewesen erschlossen hat, wird in Teil II des auf vier Teile ausgelegten Bandes jenes Material systematisch erfasst, das in die Bereiche Sprachwissenschaften – Philosophie, Ästhetik, Rhetorik – Geschichte – Bildungsinstitutionen fällt. Es zeigt sich, dass die Wiener gelehrten Zeitschriften des Vormärz, die interdisziplinär ausgerichtet waren, eine Fülle an wissenschaftsgeschichtlich relevantem Material bergen. Da ein buchwissenschaftlicher Ansatz gewählt wurde, sind im kritischen Apparat jene Werke ausgewiesen, welche rezensiert bzw. angezeigt wurden. Die Zeitschriften verbreiteten Fachliteratur, die, in deutscher oder tschechischer Sprache verfasst und meist in Prag verlegt, Gelehrte aus den böhmischen Ländern zu Autoren hatte. Biographische Notizen zu 210 Gelehrten und 80 Ärzten von Rang, Berichte über Gelehrtengesellschaften und Mitgliedschaften, Museen und Sammlungen belegen aus medialer Perspektive, dass den böhmischen Ländern eine führende Rolle im Wissenschafts- und Bildungsbereich konzediert werden muss.
Gezeigt wird jedoch auch der Umgang der Wiener Blätter mit der Geschichte der böhmischen Länder per se. Er schlug sich in Anzeigen historiographischer Schriften ebenso nieder wie in historischen Abhandlungen und journalistisch aufbereiteten Textsorten, etwa geschichtlichen Skizzen und Gedächtnisnotizen. Auch fanden sich bis ca. 1820 zahlreiche „Intelligenznachrichten“ zum Schul- und Bildungswesen der böhmischen Länder, die hier erfasst werden. Den Prozessen um die Emanzipation („Wiedergeburt“) der tschechischen Sprache und Kultur schenkten diese Wiener nichtpolitischen Blätter (so die Einstufung durch die Metternich’sche Zensur) oftmals „sine ira et studio ohne jedwede nationalideologische Voreingenommenheit“ (Moritz Csáky) Beachtung. Damals existierende Verbindungen zur Wiener Universität sowie zum Presse- und Verlagswesen in der Haupt- und Residenzstadt werden kenntlich gemacht.The scientific achievements in the Habsburg monarchy during the first half of the 19th century have been under-illuminated for a variety of reasons. A systematic inventory of scholarly journals and periodicals published during this period in Vienna lays the groundwork for unearthing this “lost continent”. The Viennese Vormärz-periodicals, which aimed to be interdisciplinary, reveal a hidden treasure of historically relevant scientific material; they also illustrate the close and productive scientific relationship between Vienna and the Bohemian lands. While part I (2011) covered the thematic areas of “literature and writing”, part II of the four-part volume systematically covers materials related to: linguistics; philosophy, aesthetics and rhetoric; history; and educational institutions. Due to the book and media science approach of the project, those works which were reviewed or advertised are included in the critical inventory. Written in either German or Czech language and usually printed in Prague, the Vormärz-periodicals disseminated scholarly literature of authors from the Bohemian lands. Biographical notes on 210 scholars and 80 medical doctors of rank, as well as reports on academic societies and fellowships, museums and collections, confirm, from a media perspective, that the Bohemian lands must be acknowledged as having played a leading role in science and education.
The Vienna papers also shed light on the way in which the history of the Bohemian lands was handled per se, as reflected in advertisements for historiographical writings as well as in historical treatises and journalistic texts of all sorts, for example historical sketches and notes and memory jogs. Additionally, the large number of “intelligence updates” on school and educational systems of the Bohemian lands that were generated until circa 1820 are included as well. These “non-political” periodicals (as classified by Metternich censorship) gave due attention to the processes of emancipation (“rebirth”) of the Czech language and culture, often “sine ira et studio without any national ideological bias” (Moritz Csáky). Existing connections at that time to the University of Vienna as well as to the press and publishing industries in the capital and imperial city can be identified.
