Alisa Müller

Die Linguistic Landscape von Minsk

Theoretische Grundlagen, quantitative Korpusuntersuchung und explorative Statistik

Reihe:

Die Linguistic Landscape von Minsk
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Die russisch-belarussische Zweisprachigkeit in Belarus, die nicht aus dem Zusammenleben verschiedener Ethnien entstanden ist, sondern aus politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen resultiert, ist ein besonders lohnenswertes Gebiet für Linguistic-Landscapes-Forschung – ein rasant wachsendes Forschungsgebiet, in dem sowohl die theoretische Fundierung als auch die methodische Durchführung Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen sind.
Eine groß angelegte Studie der Linguistic Landscape des Stadtzentrums von Minsk mit über 7.000 analysierten Einheiten untersucht die Frage, ob die beiden Amtssprachen Russisch und Belarussisch im Stadtzentrum verschiedene Funktionen übernehmen.
Zunächst werden die methodischen Probleme thematisiert, die aus der bisherigen Entwicklung von Linguistic-Landscapes-Forschung resultieren. Daraufhin wird eine linguistische Linguistic-Landscapes-Forschung entworfen, die aus der Perspektive der Pragmatik heraus Linguistic Landscapes als Kommunikation versteht. Dieser Blickwinkel ermöglicht es, Eigenschaften von ortsgebundener Schrift im öffentlichen Raum zu beschreiben, die als Untersuchungskriterien für jede Art von Linguistic-Landscapes-Forschung dienen können. Wird Linguistic-Landscapes-Forschung auf ein bestimmtes Gebiet angewandt, so können die einzelnen Einheiten der Linguistic Landscape – Schilder – in ihrem Zusammenhang betrachtet und die gesellschaftlichen Mechanismen, die zur Bevorzugung einer bestimmten Sprache führen, analysiert werden.
Nach einem Abriss der sprachlichen Situation in Belarus wird das Minsk-Korpus vorgestellt. Die enthaltenen Daten wurden im Herbst 2017 gesammelt, daraufhin zu Analyseeinheiten aufbereitet und in mindestens sechs Kategorien annotiert. Im Fokus der praktischen Arbeit steht die Analyse des Zusammenhangs von Sprache und Funktion im Minsk-Korpus mit einem besonderen Fokus auf das Verhältnis vom Belarussischen und Russischen. Dieses wird zum einen über Methoden der deskriptiven Statistik, zum anderen über Methoden der explorativen Statistik untersucht: Die Korrespondenzanalyse und Point Pattern Analysis werden in dieser Arbeit zum ersten Mal auf Linguistic-Landscapes-Daten angewendet. Eine qualitative Betrachtung exemplarischer Einzelfälle vertieft das Verständnis der komplexen Mechanismen, die zur Entscheidung für eine der beiden Sprachen in einer bestimmten Funktion führen. Schließlich werden auch physische Eigenschaften der Schilder, zum Beispiel Größe und Material, systematisch im Hinblick auf ihre Relevanz für die Sprachwahl auf den Schildern analysiert.
Über die konsequente Verortung in der Pragmatik ermöglicht die Arbeit eine Definition von Linguistic Landscapes, aus der sich Untersuchungskriterien ableiten, die für alle Arten von weiteren Linguistic-Landscapes-Studien nutzbar sind. Außerdem zeigt sie konkrete statistische Methoden auf, die auf die spezifischen Eigenschaften von Daten aus Linguistic-Landscapes-Studien anwendbar sind.
Die Studie zeigt, dass das Russische in der Linguistic Landscape von Minsk für alltagsrelevante und kommerzielle Zwecke verwendet wird. Das Belarussische hingegen übernimmt räumlich-indexikalische Funktionen, die der Beschreibung des öffentlichen Raums dienen. Diese Sprachverwendung ist an sich nicht symbolisch. Sie ermöglicht es jedoch, dass das Belarussische in anderen Kontexten als Symbol für die belarussische Nation dienen kann.